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Sonntag, 31. Mai 2015

Digital(isiert)e Dokumente sind lebende Daten – Nachlese zum 104. Bibliothekartag


Quelle: openclipart, public domain

Digital ist anders


Auf dem Bibliothekartag in Nürnberg blieb mir ein Vortrag besonders im Gedächtnis, da er den Finger in die Wunde legte. Klaus Kempf von der Bayrischen Staatsbibliothek München stellte in seinem Vortrag "Data Curation oder (Retro)Digitalisierung ist mehr als die Produktion von Daten" die berechtigte Frage "Jetzt haben wir alles digitalisiert – und dann?".

Der Unterschied zwischen alten Büchern, die in den Regalen von Bibliotheken die Zeiten verschlummern und digital(isiert)en Dokumenten zeigt sich in zwei wesentlichen Punkten:

  1. digitale Objekte verschwinden schnell und dann vollständig, während Bücher nur ganz, ganz langsam zu Staub zerfallen
  2. digitale Objekte erlauben einen unvorstellbaren Mehrwert durch ihre digitale und damit verknüpfbare und reinterpretierbare Identität

Digital ist billiger


Durch die Loslösung des Inhalts vom Medium können Bücher in völlig neue Kontexte gesetzt werden. Wurde im ersten Schritt das Buch digitalisiert, sprich als Bilddatei zugänglich gemacht, so erreichte man eine Schonung des Originals durch die beliebig oft und in unveränderter Qualität ermöglichte digitale Kopie. 

Auch wenn die Digitalisierung und die damit verbundenen Aufwände der sicheren Speicherung anfangs kostenintensiver als die klassische Bestandsbewahrung von totem Baum ist, Kempf erwähnte Kostenfaktor von 1:8, so zeigen die Nutzungszahlen der Digitalisate, daß diese Kosten mehr als gerechtfertigt sind. Denn vorher war der Zugriff auf das gedruckte Exemplar schlicht nicht zu stemmen, von den Beschädigungen des Originals bei derart hohen Zugriffen nicht zu reden.

Wenn 2014 zB. knapp 3 Millionen Zugriffe auf die Digitalen Sammlungen der SLUB Dresden gezählt werden zeigt dies, wie sich der Zugriff auf die Digitalisate mittlerweile etabliert hat. Für Wissenschaftler und andere Interessierte ist es nicht mehr notwendig sich die Mühe zu machen monatelang in den Lesesälen von Archiven und Bibliotheken herumzutreiben. Sie können bequem über Internet recherchieren und direkt oder über Portale, wie die der Deutschen Digitalen Bibliothek oder Europeana auf zusammengehörige aber in Europa verstreute historische Materialien zugreifen.

Auch dies ein Vorteil, den Bibliotheken auf ihre Seite der Waagschale packen sollten.

Digital wird immer besser


Wie Kempf in seinem Vortrag gut dargestellt hat, sind digitale Medien als lebende Dokumente zu behandeln. Entweder man pflegt sie – oder sie sterben und dann dauerhaft und ohne Spuren zu hinterlassen.

Der Bereich der digitalen Langzeitarchivierung versucht, diese Daten so zu sichern, daß sie auf lange Sicht verfügbar gehalten werden können. Aber dies ist nur der eine Aspekt, vergleichbar mit modernen medizinischen Geräten, die zwar in der Lage sind, den menschlichen Körper warm zu halten und vor dem Verfall zu bewahren – nicht aber das Leben lebenswert machen (im eigentlichen Sinn)

Doch digitalen Dokumenten wohnt ein "Mehr" inne. Wie oben erwähnt, war der erste Schritt die Digitalisierung. Doch welche neuen Möglichkeiten ergeben sich, wenn man diese Scans weiter veredelt? Kommt anfangs eine OCR-Variante hinzu, kann man die Digitalisate nun volltext-durchsuchbar gestalten. Ist der Volltext vorhanden, kann man diesen Tiefenerschliessen. Aus dem Buch, welches über Jahrhunderte im Magazin schlummerte, wurde nun ein Bestseller, der die Geheimnisse seiner Zeit enthüllt. Von einem Buch zum anderen über die dort jeweils verknüpften Akteure, Orte oder Zeiten springen, oder breite statistische Untersuchungen über die Entwicklung der Sprache in bestimmten Regionen sind jetzt ganz neue Sachverhalte untersuchbar.

Data curation, aktives Managment des digitalen Bestandes und das Bewusstsein daß es sich um lebende Dokumente handelt, ist nach Kempf nunmehr vorrangige Aufgabe von (wissenschaftlichen) Bibliotheken.

Digital erfordert Qualität


Für mich bleibt daher als Fazit, es geht bei Digitalisierung nicht um Quantität, sondern um Qualität. Es nützt nichts *nur* zu Digitalisieren. Aus Digitalisierung folgt Langzeitarchivieren. Aus Langzeitarchivierung folgt Langzeitverfügbarkeit und aus Langzeitverfügbarkeit folgt Anreicherung. Und aus Anreicherung folgt Qualität. Und Qualität fängt bei der Quelle an.

Wenn ich schlecht scanne, reicht es nicht für gute OCR. Wenn ich keine gute OCR habe, reicht es nicht für gute Volltexte. Wenn ich keine guten Volltexte habe, reicht es nicht für eine Tiefenerschliessung. Wenn ich keine gute Tiefenerschliessung habe, kann ich Dokumente nicht gut anders verknüpfen…

Daher: Alles was wir aus der Digitalisierung bisher lernen konnten –  es gibt immer neue Nutzungsmöglichkeiten, die sich aber erst manifestieren, wenn man den Möglichkeitenraum öffnet.

Bibliotheken sind in dem Sinne nicht mehr nur Bücherbewahrer sondern Datenveredler und sollten sich auch dazu bekennen.

Freitag, 6. Juni 2014

Am Ende der Nahrungskette?

Gestern war ich auf dem Bibliothekartag und im Anschluß der Vorträge zum Thema Langzeitarchivierung entspann sich eine kleine hitzige Diskussion, darüber ob man im Workflow die abliefernden Stellen dazu bekommen könne, Dokumente für das Langzeitarchiv zukünftig in besserer Qualität bereitzustellen.

Das Kernproblem ist, daß man im Langzeitarchiv aus folgenden Gründen nur archivfähige Dokumente halten möchte. Archivfähig (sh. Nestor Handbuch)  sind diese Dokumenttypen dann, wenn sie:

  • offen spezifiziert sind, damit man im Notfall einen Programmierer heransetzen kann, falls keine anderen Werkzeuge mehr existieren
  • große Verbreitung erfahren, weil dann die Chance hoch ist, daß genügend Erfahrungen mit dem Dokumenttyp vorhanden sind (und der Aufwandf sich ggf. lohnt)
  • eine geringe Komplexität besitzen, da so Interpretationsmissverständnisse und damit Fehler minimiert werden
  • ohne Rechtemanagment versehen sind, damit man die Dokumente ohne Probleme (Schlüssel weg, Anbieter existiert nicht mehr) lesen und verarbeiten kann
  • selbstdokumentierend sind, sprich: wichtige Aussagen über das Dokument selbst, wie Autor, Erzeugungsdatum, Stichworte im Format hinterlegt sind. Hintergrund ist hierbei, daß man im Fall der Fälle, wenn nur noch dieses Dokument existiert, man den Katalog an Metadaten neu aufbauen könnte.
  • robust gegen kleine Fehler sind. Fehler bleiben nicht aus. Seien es durch Hardware bedingte Bitfehler oder Fehler in der Software. Robust sein bedeutet auch, daß kleine Fehler im Datenstrom keine großen Schäden im Dokument nach sich ziehen. Deswegen fallen komprimierte (Teil-)Dokumente nicht unter diese Forderung.
  • keine oder nur geringe Abhängigkeiten von spezieller Hardware, Software oder anderen Resourcen haben. 
Da die Welt nicht ideal ist, werden Bibliotheken immer auch Dokumente angeboten bekommen, die nicht obige Kriterien erfüllen.

Üblicher (vereinfachter) Workflow
für Bibliotheksaufnahme

Unsere Kollegin hatte in ihrem Vortrag folgenden Workflow vorgestellt, der versucht einen Kompromiß zwischen "idealer Welt" und "Wir machen es den Abliefernden so einfach wie möglich" zu erreichen, in dem Dokumente nach obigen Kriterien geprüft und bei Verletzung eine Automatische Korrektur (ggf. Konvertierung) in ein besser für die Langzeitarchivierung geeignetes Dokument zu erreichen. Da die Konvertierungstools dabei das Aussehen des Dokumentes verändern können, wird das Ergebnis dem Abliefernden zur Überprüfung mitgeteilt.
Erweiterter Workflow um Abliefernden
die Konformität zum Langzeitarchiv so
einfach wie möglich nahezubringen
Die Diskussion entspann sich daran, daß es "schlicht unmöglich sei, die Abliefernden damit zu belasten", weil man doch "froh drüber sein muss, wenn überhaupt abgeliefert werde". In dem Zusammenhang fiel auch der Satz: "Als Langzeitarchiv stehen wir am Ende der Verwertungskette" und der Abliefernde "hat ja gar keine Veranlassung an die Langzeitarchivierung" zu denken.

Ich halte diese Aussagen im Übrigen für eine faule Ausrede. Ja, es stimmt, zur Zeit ist kaum ein Bewusstsein für Langzeitarchivierung vorhanden. Aber da heißt es nicht, Kopf in den Stand zu stecken, sondern dieses Bewusstsein zu wecken.

Wir haben auch gar keine andere Wahl. Die Zahl der vielfältigen elektronischen Formate wächst  nahezu exponentiell. Die Zahl der elektronischen Publikationen (wie anfangs die der Bücher) ebenfalls.

Europäische Produktion von gedruckten Büchern ca. 1450–1800.png
Europäische Produktion von gedruckten
Büchern ca. 1450–1800
“ von Tentotwo,
CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.
Absatz EBooks in Deutschland, Quelle: Statista


Wenn wir nur auf Bitstream-Preservation (Reines Backup) setzen werden wir einen Großteil unseres kulturellen Erbes verlieren.

Als Gedächtnisorganistionen werden wir immer nur ein Bruchteil der Ressourcen zur Verfügung haben, es ist utopisch zu glauben, daß man, Zitat: "Badbank für Archive" einrichten könne. Also machen kann man das schon, doch es ist dann eine bloße Datenmüllhalde, die dem eigentlichen Zweck der Langzeitarchivierung, die Verfügbarhaltung und Sicherung der Nutzbarkeit von Dokumenten entgegenläuft.

Kurzum, wir leben nicht in einer idealen Welt, aber ein Grund zu kapitulieren ist das nicht. Wir müssen spätestens jetzt anfangen darauf hinzuwirken, daß von unserer Kultur mehr als nur die Reste bleiben.